Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Ortsgruppe Schwetzingen und Umgebung

Vertreter aller wichtigen demokratischen Parteien an einen Tisch

„Absurd!“ – Wahlkreiskandidierende verurteilen Angriff auf Radschnellweg

„Absurd!“ – Wahlkreiskandidierende verurteilen Angriff auf Radschnellweg und sprechen sich beim ADFC-Radeltreff für innovative Infrastruktur aus.

„Dass man Vertreter aller wichtigen demokratischen Parteien an einen Tisch bekommt, ist nicht selbstverständlich - geniale Veranstaltung!“, lobte Martin Voss, zweiter Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) Rhein-Neckar, den radpolitischen Stammtisch des ADFC Schwetzingen und Umgebung. Dieser fand Ende Januar im blauen Loch in Schwetzingen statt. Die Ortsgruppensprecher Florian Reck und Georg Ramsch betonten in ihrer Begrüßung, wie wichtig es sei, miteinander nach Lösungen für nachhaltige Mobilität zu suchen – gleichzeitig betonte Moderator Florian Reck: „Wir sind nicht neutral. Wir sind ein Lobbyverband für den Radverkehr und die umweltschonende Mobilität! Und wir bekennen uns zu einer pluralistischen Gesellschaft. Das heißt, dass wir bestimmen, mit wem wir zusammenarbeiten.“ 

Die konstruktive Diskussionsrunde brachte die verschiedensten Vorerfahrungen und Perspektiven auf das Fahrrad in der Mobilität zu Tage, so gab Mara Zeltmann, Kandidatin der Linken offen zu, dass sie bisher nicht gern Fahrrad gefahren war: „Meine Familie war immer sehr fahrradbegeistert, aber im Hochschwarzwald konnte ich mich dazu oft nicht durchringen. Seit ich hier lebe, wo es flacher ist, kommt die Begeisterung aber langsam. Zum Beispiel bin ich zum ACDC-Konzert geradelt.“, während Holger Höfs, der als Mittelstandsexperte für die FDP kandidiert, von seiner Leidenschaft für das Mountainbike schwärmt und bedauert, dass ihm im Alltag oft die Zeit für längere Touren fehlt. Auch dass der CDU-Landtagsabgeordnete Andreas Sturm am liebsten mit dem Rad nach Speyer zum Eisessen fährt, dass sein Kollege Andre Baumann (Grüne) versucht, möglichst immer zu Fuß oder mit dem Rad ins Wahlkreisbüro zu gelangen, und dass Vincent Kilian (SPD) die meisten Wege in seiner Heimatstadt Hockenheim „obwohl es an vielen Stellen leider noch keine richtigen Radwege gibt, weshalb es immer wieder mal zu Konflikten kommt, die man verhindern könnte“, radelnd zurücklegt, erfuhren die Mitdiskutanten. 

Konflikte im Straßenverkehr: Radfahrer haben noch viel zu gewinnen.

Alle Kandidierenden hatten gemeinsam, dass sie den Ausbau der Fahrradinfrastruktur für wichtig erachteten – außerdem äußerten sie sich unisono deutlich gegen Gewaltakte auf Fahrradwege, wie die Verteilung von Felsbrocken auf dem Radschnellweg in Feudenheim, die ADFC-Sprecher Florian Reck spitz als „Terror gegen Radfahrer“ betitelte. Solche Aktionen seien „absurd“, so Mara Zeltmann. Vincent Kilian bezeichnete solche Gewalt als „Schwachsinn“ – der Sozialdemokrat betonte zudem, dass er auch als Autofahrer etwas davon habe, wenn Radfahrer auf sicheren Wegen abseits der Straßen fahren: „Autofahrer verlieren gar nix, aber Fahrradfahrer haben noch viel zu gewinnen“, so der angehende Lehrer. Holger Höfs, der berichtete, wie er selbst schon erleben musste, dass Drahtseile über Trails gespannt wurden, um Mountainbiker zu Fall zu bringen, wurde in Bezug auf Konflikte zwischen Radfahrern, Autofahrern und Fußgängern ebenfalls deutlich: „Das Denken muss sich grundsätzlich ändern – es gibt eine kleine Gruppe rücksichtsloser Autofahrer und rücksichtloser Radfahrer und manchmal kommen dann noch rücksichtslose Fußgänger dazu und das Problem ist perfekt. Respekt und gegenseitige Rücksicht sind der Schlüssel!“ Wie wichtig gegenseitige Rücksichtnahme sei, betont auch Andre Baumann: „Es geht auch nicht, dass man mit dem Rad durch die volle Fußgängerzone rast, sodass links und rechts die Kinder wegspringen müssen!“ Der Abgeordnete sieht aber auch infrastrukturelle Chancen, Konflikten im Straßenverkehr vorzubeugen, dabei seien durchgängige Radwege auch entlang von Überlandstraßen essenziell. Dem stimmt Andreas Sturm zu, der aber auch die Vorbeugungswirkung von Beteiligung betont und dabei die Landesinitiative „The Städt“ lobt, bei der Bürger vor Ort in die Stadtplanung, zum Beispiel in die Schaffung verkehrsberuhigter Zonen eingebunden werden: „Solche Beteiligungsmöglichkeiten sollte das Land auch weiter fördern, denn sie bieten viel Raum für Begegnungen und Perspektivwechsel!“

Sicher und gesund: ADFC bietet Unterstützung bei „Radwandertagen an Schulen“. 

Bei der Überlegung, wie man gerade Kinder mehr dazu bringen könnte, mit dem Rad zur Schule zu fahren, um sich dann im Alltagsverkehr auch besser zurecht zu finden, waren die Kandidierenden sich einig, dass es problematisch sei, Lehrkräften noch mehr Pflichtaufgaben aufzubürden. „Die Lehrpläne sind schon sehr voll“, so Andreas Sturm. Statt weiterer Verpflichtungen sollten stattdessen Best-Practice-Beispiele bekannter werden und man könne das Fahrrad zum Beispiel bei Wandertagen einsetzen, um interessante Ziele besser zu erreichen. Auf Nachfrage schränkte der Bildungspolitiker allerdings ein, dass dies oft nicht angeboten würde, weil Eltern und Lehrkräfte Sicherheitsbedenken hätten und der Planungsaufwand hoch sei. Dazu ergänzte Andre Baumann: „Leider wird oft nach Schuldigen statt nach Lösungen gesucht. Ich kann Lehrkräfte daher verstehen, die keine Angebote mehr außer der Reihe machen.“ Baumann verwies auch lobend auf die verkehrspädagogischen Angebote des ADFC Rhein-Neckar, die an mehreren Schulen im Wahlkreis bereits erfolgreich umgesetzt würden und auf die jährliche Ferienfreizeit des Fahrradclubs. Vincent Kilian ergänzte, dass man auch kommunikativ kreativ werden müsse: „Oft ist es ja das Sicherheitsgefühl der Eltern, dass man eigentlich ansprechen muss, da müssen wir vor Ort kreativ sein – das Land kann solche Initiativen vielleicht fördern.“ Für dieses Problem bot ADFC-Sprecher Florian Reck Unterstützung an: „Wenn eine Lehrkraft eine Fahrradexkursion durchführen will, sich das aber allein aus Sicherheitsbedenken nicht zutraut, sind wir gern bereit, als Ordner mal mitzufahren!“ Einen anderen Hinderungsgrund zeigte Maschinenbauer Holger Höfs: „Es liegt auch am Zeitenwandel: Fahrradfahren ist gerade nicht ‚in‘ – zudem sind auch Kinderfahrräder mittlerweile sehr teuer.“ Dem stimmte Mara Zeltmann zu: „Nicht jede Familie kann sich regelmäßig ein neues Fahrrad für die Kinder leisten und leider wird das auch nicht in jeder Familie als sinnvolle Investition betrachtet.“ Die einzige Frau in der Kandidierendenrunde hat aber auch eine innovative Idee: „Vielleicht könnte man, äquivalent zum Jobrad ein Schulrad-Projekt einführen.“ 

Fahrradclub-Sprecher Georg Ramsch verwies auf den starken Gebrauchtmarkt bei Kinderrädern: „Oft sind gebrauchte Fahrräder für Kinder quasi noch neu, weil ein Kind schnell über sein Fahrrad hinauswächst.“ Er gab auch Tipps, wie bedürftige Familien günstig an Fahrräder für ihre Kinder kommen könnten: „Es gibt in Brühl und in Schwetzingen gemeinnützige Fahrradwerkstätten, die dann hergerichtete Räder für wenig Geld weitergeben – der ADFC organisiert auch jedes Jahr in Mannheim einen großen Fahrradflohmarkt.“

Das Fahrrad als Wirtschaftsfaktor: Ein bisschen Regionalpatriotismus!

Auf die Frage, wie der „Wirtschaftsfaktor Fahrrad“ zu bewerten sei und wie die wirtschaftliche Bedeutung des Fahrrads gestärkt werden könne, plädiert Grünen-Abgeordneter Andre Baumann für „ein bisschen Patriotismus“: „Die Automobilindustrie ist wichtig für die Region, die Fahrradwirtschaft aber auch, immerhin ist auch das erste Fahrrad in Mannheim erfunden worden und die Fahrradwirtschaft hat in Baden-Württemberg eine enorme Wertschöpfungsbedeutung.“ Sehr zufrieden zeigt sich der Staatssekretär mit dem Angebot der lokalen Fahrradhändler. Einig sind sich alle Kandidierenden zudem darüber, dass gute Fahrradwege auf Berufspendler motivierend wirken können. „Die Wege sollten allerdings auch attraktiv sein“, schränkt Kilian ein: „Für den Heimweg von der Arbeit oder für Touristen ist es schön, wenn Radwege nicht nur praktisch sind, sondern auch etwas bieten können!“

Die wichtigste Maßnahme zur Stärkung des Fahrradtourismus sei laut Staatssekretär Baumann die stärkere Vernetzung bestehender attraktiver Routen, Linken-Politikerin Zeltmann sieht zudem große Chancen in Verleihsystemen wie „NextBike“ auch in kleineren Gemeinden mit touristischem Potenzial – insbesondere in Zusammenarbeit mit lokalen Fahrradhändlern. „Wir leben hier in einer landschaftlich privilegierten Gegend“, attestiert FDP-Kandidat Höfs, stellt aber fest: „Was ich vermisse, sind große, gut ausgeschilderte Park&Ride-Anlagen, sodass Touristen oder auch Angestellte mit dem Auto an den Stadtrand fahren können, um dann das Faltrad für die Fahrt ans Ziel aus dem Kofferraum zu holen.“ Mehrere Kandidierende betonen die Bedeutung von Location-Marketing: Es gäbe viele interessante Ziele, die gut mit dem Rad erreichbar seien – daraus müsse man mehr machen, so etwa CDU-Kandidat Sturm, der positiv auf die Planung des Besucherzentrums an der Burg Wersau in Reilingen Bezug nimmt, wo der Verein auch Fördermittel für die Ladung von Elektrofahrrädern einsetzen wolle. 

Der Diskussionsabend im blauen Loch verlief konstruktiv und der Austausch unterstrich, was ADFC-Sprecher Florian Reck erzielen wollte: „Gerade in Wahlkämpfen hat man bei Diskussionen oft das Gefühl, man muss gegen den anderen reden, heute haben alle gezeigt, dass wir auch miteinander arbeiten können.“ Zum Abschluss des Gesprächsabends wurde allen Kandidierenden ein Magazin mit Infrastrukturideen für den schnellen Radwegeausbau geschenkt und Reck lud ein, zur gemeinsamen Fahrraddemonstration mit dem VCD am 28. Februar um 14:00 auf den Schlossplatz und zur verkehrspolitischen Fachtagung des ADFC am 26. März in Heidelberg zu kommen. 

https://schwetzingen.adfc.de/artikel/absurd-wahlkreiskandidierende-verurteilen-angriff-auf-radschnellweg

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